Offen gesagt: Meine Quarantäne

Und dann wachst du auf, schaust auf die Uhr, und erinnerst dich schon nicht mehr an die Zeit. Denn die Zeit spielt keine Rolle mehr, du bist in der Quarantäne. Deinen eigenen Raum nimmst du viel stärker wahr als sonst in deinem Leben. In deinen Gedanken denkst du ständig an die Strecke deiner «Tröpfchen», die den Raum überqueren. Deine Maske ist deine Bremse, doch du musst genug früh anhalten, damit dein Bremsweg unter 1.5 Meter liegt. Dein Zimmer ist nun deine Welt. Eine Ecke wird zur Leseecke, die andere zur Essenecke, und auch wenn du meisten in einem Zimmer nur vier Ecken hast, sind irgendwann auch Stellen zu Ecken geworden, die nicht mal eckig sind. Den Raum, der dir eigentlich so vertraut ist, nimmst du auf eine ganz andere Art und Weise wahr. Hast du schon jemals in deinem Zimmer so lange Zeit verbracht? Dazu noch alleine?

Ich persönlich nicht, obwohl ich zur Smartphone-Zombie-Generation gehöre. Ja, ich esse in der Küche, ich lerne im Wohnzimmer, ich mache einen Spaziergang ins Arbeitszimmer, ich bin überall zuhause unterwegs und kehre am Abend zurück in mein Zimmer, nur für die Nachtruhe, und am Morgen geht die Reise weiter mit der ersten Station: das Badezimmer. Wer hätte gedacht, dass eine Person wie ich, die sonst Stunden im Badezimmer verbringt, nun vor ihrem Dasein selbst Angst hat, und in Rekordgeschwindigkeit nach einer schnellen Dusche wieder in ihrem Zimmer landet?

Und deine Snacks, all die süssen Brownies oder die köstlichen Chips, stielst du entweder aus deiner eigenen Küche wie eine Elster, oder sammelst sie in deinem Zimmer wie ein Eichhörnchen.

Dein Zeitgefühl

Wenn du nicht in Isolation bist wegen einer Infektion der Coronaviren, die nun heimlich in deinem Körper herumtoben, bist du in der Quarantäne wegen nahem Kontakt zu irgendeiner infizierten Person, und könntest genauso gut diese kleinen Feinde in dir tragen. Die Angst, jemanden den du liebst anzustecken, ist grösser als die Angst, dich in deinem Zimmer auf einmal zu häuten und in einen animalischen Einzelgänger zu verwandeln.

So viel Zeit. Deine Eltern oder deine Mitbewohner bringen das Essen für dich, und Quarantäne sei dank musst du auch nichts für den Haushalt erledigen. Ferien auf eine Art, oder? Nein, leider nicht. Du hast Minuten und Stunden und Tage, doch irgendwie ist die Zeit nichts mehr wert. Früh ins Bett und ausschlafen ist irgendwie nicht mehr so wertvoll, wie du gedacht hast. Lieber müde sein und über Mittag nochmals schlafen und somit die Zeit totschlagen. Ach ja, deine Sorgen. Was ist nun mit der Französischprüfung? Und all deinen anderen Aufträgen? DU beklagst dich doch ständig, du hättest keine Zeit, ach nein oh jee dieser Stress. Und jetzt? Zufrieden? Was machst du nun mit all dieser Zeit?

Achtung: Ablenkungsmanöver

Nichts machst du mit dieser Zeit, denn die Zeit existiert in dieser kurzen Zeitspanne für dich nicht mehr so ganz. Du bist in so viele Kämpfe verwickelt. Mental versuchst du diese unsichtbaren Feinde wie Angst, Panik und Coronaviren zu bekämpfen. Physisch versuchst du mit möglichst viel Magnesium und der Kurkuma-Mischung deiner Mutter deinen Körper gesund zu halten. Dieses ganze Zeit-und-Raum Krimskrams der Physik interessiert dich überhaupt nicht mehr. Den Sinn für Zeit hast du verloren, deinen Raum von wenigen Quadratmetern nimmst du noch wahr, ausser du schafft es mit Abba-Liedern der Mamma-Mia Filme dich in deiner Imagination auf eine griechische Insel zu versetzen. Und deine Emotionen, die machen ihr eigenes Ding und spielen völlig verrückt. Aber Kopf hoch, geteiltes Leid ist immerhin halbes Leid. Wahrscheinlich hast du Freunde, die sich in derselben Situation befinden. Und zusammen über die Royals abzulästern oder Stadt-Land-Fluss zu spielen, ist eine viel wirkungsvollere Waffe gegen dieses Gefühl des Fallens, als du es gedacht hast. Am liebsten würdest du den Bundesrat Alain Berset anrufen und sagen: « Lieber Herr Berset, drei Mal täglich eine halbe Stunde zu telefonieren oder zu basteln oder zu spielen, egal ob die Person Anwältin oder Primarschüler ist, sollte Pflicht sein, das hilft!» DU fühlst dich einsam ja, aber warst du dir jemals in einem Moment deines Lebens so sicher gewesen, dass tausende Menschen, in der Schweiz genauer gesagt 28`000 Menschen, genau dasselbe fühlen, wie du?

Und was passiert nach der Quarantäne?

Achtung, Mitleid wird nicht verlangt, denn irgendwie gehen die Tage vorbei, und wenn du Glück hast, hast du diese 10 Tage sogar gesund überstanden.

Aber warte, das Schlimmste kommt am Schluss.

All die Mühe, all die schwierigen Tage, all die verbrauchten Desinfektionsmitteln und die Masken. Alles war nichts wert. DU hast versucht deine Familie zu beschützen, dein Umfeld durch Verantwortung zu retten, aber du wurdest von der Regierung im Stich gelassen.

Denn deine Quarantäne ist nichts wert, wenn draussen immer noch so viele Ignoranten frei herumlaufen.

Deine Maske rettet nicht genug Leben, wenn ignorante Menschen zum Niesen ihre Maske abziehen.

Und deine Isolation nützt nichts, wenn Menschenmengen gemeinsam die überlasteten Spitäler und hunderte von Menschen, die täglich sterben, ignorieren.

Zusammenarbeit ist gefragt, dem widerspricht nach diesem scheusslichen Jahr namens 2020 niemand mehr. Aber nicht nur du und deine Kollegen, sondern auch deine Schulleitung und deine Regierung müssen mithelfen.

Vergiss eins aber nicht: Deine Maske, dein verantwortungsvolles Verhalten und dein Abstandradius von 1.5 Metern werden die Pandemie vielleicht nicht stoppen, aber diese Dinge werden der Grund dafür sein, dass du Stolz auf dich selbst sein kannst, und eines Tages nicht als Nichtskönner und Ignorant giltst, sondern als Mitglied eines kollektiven Kampfes, in welchem zum ersten Mal nicht mit Waffen, sondern gesundem Menschenverstand gekämpft wurde.

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