50 Jahre Frauenstimmrecht: 5 Schweizer Frauenrechtlerinnen

50 Jahre Frauenstimmrecht heisst noch lange nicht nur 50 Jahre Frauenbewegung. Schweizerinnen schrieben national und international Geschichte, indem sie sich für die Frauenbewegung engagierten. Ihre unbekannten und dennoch faszinierenden Geschichten verdienen es, nicht nur am Jahrestag des Frauenstimmrechts geehrt zu werden, sondern jedes Mal, wenn wir für Wahlen oder Abstimmungen an die Urnen gehen.

Marie Pouchoulin (1826 –1899)

Die erste Schweizer Frauenrechtlerin, die ihrer Zeit mehr als hundert Jahre voraus war. Marie Goegg-Pouchoulin wurde 1826 in Genf geboren. Ihre erste Heirat mit dem Handelsreisenden Marc Antoine Mercier wird nach der Geburt ihres ersten Sohnes aufgelöst. Als ihre Eltern Flüchtlinge aus Deutschland in ihr Haus aufnehmen, lernt sie ihren zweiten Ehemann kennen. Amand Goegg flüchtete während der 1848 Revolution aus Deutschland in die Schweiz. Als Flüchtling verliebt er sich in die junge Schweizerin. Nach seinem Aufenthalt wird er aus der Schweiz ausgewiesen und flüchtet nach England. Pouchoulin begleitet ihren Mann schwanger nach London und wird von der englischen Frauenbewegung, den Suffragetten, inspiriert.

Quellbild anzeigen
Quelle: Wikipedia

Nach ihrer Rückkehr nach Genf verfasst sie in der Zeitschrift „Les États-Unis d’Europe“ ihren ersten Artikel und ruft die Frauen auf, zusammen zu halten und gemeinsam für ihre politischen Rechte zu kämpfen. Trotz der geringen Teilnahme gründet sie den ersten internationalen Frauenverein, den „Association Internationale des Femmes“ und verlangt das Frauenstimmrecht und die politische und zivilrechtliche Gleichstellung der Frauen in der Schweiz. Im Jahr 1867, 104 Jahre vor der Einführung des Frauenstimmrechts, publiziert sie die erste Schweizer Frauenzeitung, das «Journal des Femmes». Artikel über weltweite Neuigkeiten zur Frauenbewegung machen sie zu einer internationalen Pionierin. Dank Marie Pouchoulin wurde Frauen zugelassen, an der Universität Genf zu studieren. Nach einer Neugründung ihres Vereins erreicht sie mit Petitionen die ersten Zugänge für Frauen an Universitäten in Genf, Bern und Zürich. Marie Pouchoulins Engagement machte sie zu einer Symbolfigur für die politischen Rechte aller Frauen. Ihr bemerkenswerter und inspirierender Einsatz wurde zum Startschuss der Schweizer Frauenbewegung.

Margarethe Faas-Hardegger ( 1882- 1963)

Quelle: Wikipedia

Die in Bern geborene Frauenrechtlerin war die erste Arbeiterinnensekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Dank ihr gewann die Arbeiterinnenbewegung immer mehr politisches Mitspracherecht und positionierte sich für den Feminismus. Nicht nur die Einführung des Frauenstimmrechts gehörte zu ihren Anliegen, sondern auch die Idee von  einer Mutterschaftsversicherung (Mutterschaftsgeld) und bezahlte Hausarbeit. Die Gründerin der Frauenzeitschrift «Die Vorkämpferin» hatte zwei Töchter und war zwischenzeitlich auch Jurastudentin. 1908 wurde sie in der Arbeiterbewegung aktiver und gründete mit dem deutschen Schriftsteller Gustav Landauer den sozialistischen Bund und die zugehörige Zeitschrift «Der Sozialist». 1915 wurde sie zu einem Jahr Gefängnis verurteil, als sie bei einer Abtreibung mithalf. Auch Margarethe Faas-Hardegger war eine Frau, die ihrer Zeit voraus war, und trug mit ihren fortschrittlichen feministischen Ideen zu vielen Diskussionen bei, die noch heute zentrale Punkte der Frauenbewegung darstellen.

Katharina Zenhäusern (1919- 2014)

Zenhäusern 2008, Quelle: Wikipedia

Die erste Frau, die an due Urne ging, diese Ehre gehörte Katharina Zenhäuser. Die Bewohnerin des Walliser Dorfes Unterbäch ging zur eidgenössischen Abstimmung zur «Einführung der obligatorischen Schutzdienstpflicht weiblicher Personen» am 3. März 1957 an die Urne. Ihr Ehemann Paul Zenhäuser, der damalige Gemeindepräsident, setzte sich gegen die Landesregierung ein und erteilte den Frauen des Dorfes ein einmaliges Stimmrecht, da über eine Abstimmung, die nur Frauen betraf, nur Männer abstimmen durften, und dies Zenhäusern lächerlich fand. Mit 32 weiteren Frauen ging Katharina Zenhäusern an die Urne und wurde auf dem Weg dorthin von anderen Dorfbewohnern beschimpft. Auch wenn ihre Stimme für ungültig erklärt wurde, hatte ihr symbolischer Urnengang eine wichtige Bedeutung und erregte mit der Überschreitung der damaligen Normen auch internationale Aufmerksamkeit.

Elisabeth Blunschy ( 1922-2015)

Quellbild anzeigen
Elisabeth Blunschy im Nationalrat, Quelle: kath.ch

Elisabeth Blunschy wurde 1922 im Kanton Schwyz geboren. Die Juristin und Politikerin wurde 1971, im Jahr der Einführung des aktiven und passiven Wahlrechts für Frauen, als Mitglied der CVP in den Nationalrat gewählt. Sie war somit eine der ersten 11 Frauen, die in den Nationalrat gewählt wurden. Im Kanton Schwyz wurde das Frauenstimmrecht für kantonale Angelegenheiten erst ein Jahr später eingeführt. Blunschy ist auch die erste Schweizerin, die zur Nationalsratspräsidentin gewählt wurde. Am 2. Mai 1977 präsidierte sie den Schweizer Nationalrat und legte ihr Amt als Nationalrätin nach 16 Jahren nieder. Eine Frau, die ganz nach «Die Erste, aber nicht die Letzte» lebte, und vielen zukünftigen Nationalrätinnen ihre Position ermöglichte.

Marthe Gosteli (1917-2017)

Marthe Gosteli, Quelle: srf.ch

Dank der in Bern geborene Frauenrechtlerin Marthe Gosteli ging die Geschichte der Schweizer Frauenbewegung nicht verloren. Das von ihr gegründete Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung sammelt Dokumentationen zu Frauenverbänden, biografische Materialien und Dokumente zur Geschichte der Frauenarbeit. Die ebenfalls von ihr gegründete Gosteli-Stiftung führt das Archiv in Worblaufen Bern. Gosteli begann 1982 in ihrem Elternhaus, ebenfalls in Worblaufen, die Geschichte der Schweizer Frauen zu dokumentieren.

Das Archiv wurde zu einer Inspirationsquelle für die Regisseurin Petra Volpe, die den berühmten Film zur Schweizer Frauenbewegung «die göttliche Ordnung» drehte. In ihrem Buch «Vergessene Geschichten» schrieb Gosteli über die Schweizer Frauenbewegung von 1914 bis 1963. Die Frauenrechtlerin schütze durch das Gosteli-Archiv nicht nur das Gedächtnis der vergangenen schweizerischen Frauenbewegung, sondern auch die der zukünftigen und gibt der heutigen Generation die Möglichkeit, an den Wurzeln des Feminismus festzuhalten und somit stets gegen die Diskriminierung von Frauen sich einzusetzen.

Quellen:

CH2021 – 50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz

Digitalisierung des Bestandes – Frauenrechts-Archiv braucht dringend Geld – News – SRF

50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht | Hommage 2021

Die erste schweizer Frauenrechtlerin | Die Wirtschaftsfrau (die-wirtschaftsfrau.ch)

Schweizer Frauenbewegung – Wikipedia

3 thoughts

  1. Ich danke dir für die Vorstellung dieser Frauen. Wie wunderbar, dass es sie gab – weitsichtig und mutig.
    Sie könn(t)en auch heute inspirieren, denn in Punkto Gleichberechtigung ist ja nun wahrlich nicht alles Gold, was glänzt.
    Ich setze mich seit über 40 Jahren für das Thema ein und habe in vielen unterschiedlichen Varianten hier Infoabende und Vorträge für die Frauen einer Frauengruppe gemacht. Diese Arbeit hat mich geprägt. Und so fallen mir Ungerechtigkeiten auch immer wieder auf.
    Nie werde ich eine Stadtführung in Zürich „Auf der Spur von Frauen“ vergessen. Bei ihr wurde unter anderen Mileva Maric-Einstein vorgestellt. Wir waren zu zwölft, außer mir hatte noch nie jemand von ihr gehört (das ist knapp 20 Jahre her).
    Wichtige Frauen aus der Versenkung zu holen, ist mir immer wieder eine Freude.
    Herzliche Abendgrüße
    Judith

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Judith, vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Sehr bewundernswert, dass du dich für dieses Thema einsetzt! Finde es auch sehr traurig, dass so wichtige inspirierende Frauen vergessen gehen, wie du sagst, haben wir noch einiges in Sachen Gleichberechtigung zu bewältigen, und ich finde, indem wir uns an diese starken Frauen erinnern und ihnen die Anerkennung schenken, die sie verdienen, können wir vielleicht besser erkennen, was für die zukünftige Frauenbewegung zu tun ist. Machst du immer noch Stadtführungen? Alles Liebe, Helin

      Gefällt mir

      1. Liebe Helin,
        danke dir.
        Da habe ich mich wohl missverständlich ausgedrückt: Ich mache keine Stadtführungen, sondern ich habe eine mitgemacht – da war ich eingeladen dazu.
        Und ansonsten: Ja, da hast du recht.
        Grüße
        Judith

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s