Coronazorn- Ein Jahr Pandemie in der Schweiz

Heute vor genau einem Jahr wurde in der Schweiz die erste Person positiv auf das Coronavirus getestet.

Vor der Coronakrise dachte ich bei Diskussionen immer an eines: Solange ich Fakten und vertrauliche Zahlen habe, werde ich jede Debatte gewinnen. Vor der Coronapandemie dachte ich: Gesunder Menschenverstand existiert, und solange wir zusammen reden und den Argumenten des Gegners zuhören, werden wir schon einen Lösungsweg für jedes Problem finden. Inmitten der Pandemie hat sich jedoch herausgestellt, dass beide meiner Hypothesen zu gesunder Debattenkultur nicht stimmten.

Photo by cottonbro on Pexels.com

In der Schweiz sind bis heute, dem 24. Februar 2020, 9240 Menschen an Covid-19 gestorben. Mehr als 552’698 Menschen haben sich mit dem Coronavirus infiziert. Ich bin müde. Zornig. Hoffnungsvoll aber zugleich auch aussichtslos. Beispiele aus Grossbritannien, den Vereinigten Staaten, unseren Nachbarn, Bergamo Italien, und Deutschland. Nichts dieser in Todeszahlen oder Positivitätsraten ausgedruckten Leidenswerte reicht aus, um die Gesellschaft davon zu überzeugen, dass wir, wenn wir der Wissenschaft vertrauen, im Fall einer dritten Welle aufgrund der neuen Coronavirus-Mutationen ein gewaltiges Problem haben werden.

Was ist Freiheit?

Ich weiss wirklich nicht, wo ich anfangen soll. So vieles habe ich gesehen. Menschen, die ihre Masken zum Niesen abgenommen haben, diskutierten mit mir, sie hätten sich an die Hygieneregeln gehalten. Mitschüler, die mehrmals in der Woche Skifahren gingen, warfen mir vor, der Lockdown würde ihre Freiheit extrem einschränken.

Und da kam der Gedanke nach der Frage auf, was Freiheit denn eigentlich ist.

In einem Land mit guter medizinischer Versorgung, sauberem Trinkwasser und komfortablen Wohnungen zuhause bleiben zu dürfen, dass nenne ich Freiheit. Der Lockdown wird als eine Art Gefangenschaft wahrgenommen, doch ist in der Tat ein Mittel der Freiheit. Ja, ich weiss, es tönt irgendwie sarkastisch, als würde ich genau das Gegenteil meinen, aber das tue ich nicht. Wir erkennen weder das Bild als Ganzes noch die einzelnen Puzzleteile. Verwickelt in Gegensätzen, neuen Lebensumständen und Umstellungen, die unsere Empathie, Toleranz, Intelligenz und Ignoranz zur Schau stellen, sehen wir den Wald voller Bäume nicht, doch begraben zugleich unsere Köpfe unter der Erde, und sehen nun auch die Bäume nicht mehr.

Müdigkeit und Enttäuschung

Ich dachte, so eine Pandemie, mal etwas, was alle Menschen auf der ganzen Welt gleich stark betrifft, würde uns klar machen, wie egoistisch unsere Welt eigentlich aufgebaut ist. Vielleicht würden wir erkennen, dass es mehr gibt als unsere nur auf uns bezogenen Bedürfnisse, und wir würden endlich mal unsere Gesundheit und unseren Wohlstand nicht mehr für selbstverständlich halten, doch leider wurde ich einmal mehr enttäuscht.

Ich fühle mich in Stich gelassen. Ich erkenne, wie sehr mein Leben von den Entscheidungen und Meinungen anderer abhängt. Ich musste miterleben, wie ich machtlos war, als meine Klassenkameraden sich geweigert haben, sich in Isolation zu begeben, obwohl sie aus der gleichen Salatschüssel wie eine Corona-Infizierte gegessen hatten. Ich musste hören, wie hysterisch ich doch sei, eine Schulschliessung mir zu wünschen, doch musste auch per Mail erfahren, dass der Hausmeister meiner Schule an Covid-19 gestorben war.

Ich bin müde. Und nicht mal, weil ich auch die alte Normalität vermisse, weil ich es sehne, ohne ständig an meine Hygiene denken zu müssen einkaufen zu gehen, oder ohne Angst vor Viren meine Kolleginnen umarmen zu können. Ich bin müde, weil die Menschen ständig in die gleichen Fehler hineinfallen. Heute hörte ich beim Einkaufen einen älteren Mann sagen, er würde sich nicht impfen lassen, die Grippen-Impfung würde reichen. Wir sind besser als das. Wir können nicht zu einem Musterbeispiel des Versagens werden, nicht wir, nicht die Schweiz. Wir können nicht ständig das Coronavirus ignorieren und denken, es würde uns nicht sehen, wenn wir uns verstecken. Wir können nicht zulassen, dass Verschwörungstheoretiker statt Wissenschaftler zum Vorschein treten, und wir zu einem Land werden, das weder impft noch mit Massnahmen etwas gegen die Pandemie übernimmt.

Happy New Year Vaccine GIF by Bianca Bosso

Die Prüfung

An diesem Tag, dem 24. Februar, hat vor einem Jahr für die Schweiz eine unfassbar schwierige Prüfung angefangen. Ich hoffe, wir bestehen diese Prüfung, und vergessen dabei nicht die 9240 Verstorbenen. Jede dieser Verstorbenen hatte eine eigene Lebensgeschichte, und jede dieser Lebensgeschichten endetet damit, dass gegen einen kleinen Feind nicht genug viel unternommen wurde. Wir alle tragen Mitschuld und dürfen die Verstorbenen und das Leiden so vieler Menschen nicht vergessen, um ein noch grösseres Leiden frühzeitig zu verhindern.

Ich hoffe aus meinem jugendlichen Herzen so sehr, dass wir den Weg aus dieser Pandemie herausfinden, und zwar nicht, indem wir an die Prüfung nicht erscheinen, sondern diese mit Stolz schreiben und bestehen. Denn jeder Schüler und jede Schülerin kennt das Geheimnis: Wenn du die Prüfung schwänzt, musst du an die Semesterprüfung, und diese ist viel schwieriger als die andere.

Ich hoffe, wir schwänzen nicht, vergessen die wahre Herausforderung unter der Euphorie von Partys und vergangener Normalität nicht, und müssen nicht an die Semesterprüfung.

5 thoughts

  1. Eine Situation die wir bis dato nie hatten und meiner Meinung nach das schlechteste in vielen Menschen hervorbringt. Die Gesellschaft meinungstechnisch gespalten und ein Virus den wir behalten und mit dem wir leben müssen. Je länger es dauert, desto schwieriger wird es. Ich merke selbst das es mir langsam an die Substanz geht. Mir fehlt die Spontanität etwas unternehmen zu können.

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    1. Danke für deinen spannenden Input! Stimme dir voll und ganz zu, weder wir noch vergangene Generationen waren jemals mit einer solch globalen Pandemie konfrontiert, deswegen ist alles überwältigend. Bleib gesund, hoffentlich helfen die Impfung, Wissenschaft und Toleranz, möglichst schnell diese Pandemie-Zeit abzuschliessen. Alles Liebe

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  2. LIebe Helin, wie recht du doch hast mit deinem Blog-Beitrag!
    Darf ich fragen, ob du eine jungendliche Schülerin bist? So klang es in dem Text, obwohl du eher unsere Seite zu vertreten scheinst. Wir sind Lehrer, mein Mann steht kurz vor der Pension und musste im letzten Semester unter Einsatz des Lebens unterrichten. Das ist der helle Wahnsinn! Es wäre schön, wenn alle Schüler so klug und so vernünftig wären wie du. Obwohl… an den Schülern liegt es eigentlich nicht. Das Problem ist bei uns die Unterrichtsminiterin, die ständig zu versuchen scheint, so viele Menschen wie möglich dem Ansteckungsrisiko auszusetzen.
    Übrigens, dass man dich beschuldigte, hysterisch zu sein… das sind solche Methoden, die Bullies benutzen, sobald ihnen die Argumente ausgehen. Nimm es nicht persönlich

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    1. Liebe Liv, vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Du hast Recht, ich bin Schülerin, und danke dir für deine Komplimente! Ich gebe dir Recht, Behörden sollten viel mehr unternehmen, doch ich kenne viele auch in meinem Alter, die die ganze Situation rund um Corona nicht richtig abwägen und nicht entsprechend handeln, beide Faktoren spielen sicher eine grosse Rolle. Es tut mir leid, dass dein Mann dieses Risiko eingehen musste. Und es ist wirklich ein Risiko, zwei meiner Lehrpersonen haben sich schon mit dem Virus angesteckt, als wir auch in unserer Klasse positive Fälle hatten. Ich hoffe sehr, dass wir alle nicht noch mehr falsche Entscheidungen treffen, und Menschen-Leben wieder schätzen lernen. Bleib Gesund, alles Liebe!

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